Wie alles begann...

Als ich zwei Jahre alt war stellte mich mein Vater das erste mal auf Ski.

Bei uns hinten am Waldrand geht es ein kurzes Stück bergab und läuft dann nahezu eben aus bis zum Bach. Oben wurde ich hingestellt und angeschoben von meinem Vater, und unten von Mutter, Großmutter, wem auch immer "aufgefangen". Schön und gut, ich konnte also geradeaus fahren. Das war aber nicht genug: Wie bringt man einem Zweijährigen Kind Bogenfahren bei? Ganz einfach: "Ferdinand, siehst du die Maulwurfshügel da? Fahr doch einfach um die rum, dann muss ich dich nicht immer auffangen!". Gesagt, getan. Klein Ferdinand fuhr ohne fremde Hilfe einen Bogen um die Erdhäufchen. Im ersten Versuch! Mit zwei Jahren! Somit war klar dass ich ein großes koordinatives Talent hatte (habe), was zunächst nicht weiter auffiel, da ich das erste Kind war und dieser Umstand nicht als großartig betrachtet wurde.

Piste fuhr ich dann mit drei Jahren. Auch alleine...  Wir (Papa, Mama und ich) fuhren zum Skifahren. Als erstes wurde ich komplett angezogen mit Ski, Schuh, Stöcken, Helm und allem was dazugehört und "abgestellt", so dass sich meine Eltern fertig machen konnten. (War eigentlich geplant...) Nun gut, meine Eltern machten sich fertig, schlossen das Auto ab und "Wo ist der Ferdinand?"

Tja, der war in der Zwischenzeit zum Lifthaus vorgerutscht, mit dem Lift auf den Berg hinauf und (zufällig?) die richtige Piste wieder zurückgefahren... Hat ein bisschen länger gedauert, da unterwegs noch ein Herr auf den Kleinen aufmerksam und von klein Ferdinand informiert wurde dass er sich nicht sorgen brauche "... Ich komm schon runter", so oder ähnlich müssen meine Worte gewesen sein.

Jetzt (spätestens) wussten meine Eltern dass ich in Sachen Sport schnell verstehen und umsetzen kann.

Dann kam das erste Skirennen (mit vier-ein-halb!) Ich hatte keine Chance ;-). Gegen ein zwei Jahre älteres Mädchen fahren zu müssen ist auch unfair. Eigentlich wäre mein Lauf nicht so schlecht gewesen, aber das Dumme am Riesenslalom ist dass man durch alle Tore fahren muss, ja, durch alle,...   ...auch durch das Letzte...

Ja, ich dümpelte dann so vor mich hin, fuhr da ein Rennen und dort eins, meistens Gästeklasse da ich keinem Verein angehörte, war aber nicht zufrieden, weil ich damals keine GästeMEDAILLEN sondern POKALE haben wollte. Bis ich dann in meinem letzten Rennen (keine Ahnung was das war, aber ich bin echt gut gefahren) für meinen zweiten Platz endlich den Pokal bekam den ich so lange schon wollte.

Die Kurve zum Skispringen ist jetzt etwas schwer zu kriegen und ich muss einen kleinen Schritt zurück machen (zeitlich), aber ich versuche es:

Ich war viel unterwegs mit meinem Vater, in den Bergen, auf Loipen und auf Pisten. Doch hatte ich eine Angewohnheit - ich weiß selbst nicht warum, aber bei sämtlichen Pistenabfahrten sollte mein Vater vorausfahren und ich hinterher in seiner Spur. So konnte ich wahrscheinlich die Technik am besten lernen, ihn anschauen und nachmachen. Jedenfalls begann er irgendwann etwas kompliziertere Wege zu fahren: schwarze Piste, Buckelpiste und eben kleine Schanzen die oft abseits in versteckten Waldwegen zu finden sind. 

Uuuui!! Sprünge!!
"Noch mal, noch mal,..." und immer wieder, Anlauf, Absprung, ein Ski von links nach rechts, der andere von oben nach unten *krachpengschneestaub* - Schnee schmeckte mir schon damals :-). So musste mein Vater so lange vorausfahren bis ihm das Kreuz weh tat...

Im gleichen Winter schauten wir bei einem der Pokalspringen des SC Auerbach vorbei und ich bewunderte diese wagemutigen Jungs, die sich furchtlos in die Lüfte katapultierten. Mein Vater machte sich kundig und sprach (mit seinem kaputten Kreuz als Hintergedanken) mit dem Trainer der mutigen Jungs und im Sommer fuhren wir zur Mattenschanze und ich stellte mich vor.

Oh war ich aufgeregt, ich bekam Anzug, Helm, Brille, Ski und Schuh gestellt und erinnere mich genau an die erste "Abfahrt": Die Skier geschultert ging ich mit relativ hohem Puls an der K22 hoch, blieb immer wieder stehen und schaute mir die vom Wasser glänzenden grünen Matten an. Es war ziemlich warm und in dem roten Sprunganzug und bei der Aufregung lief mir schon am Anfang des ersten Trainings das Wasser unter dem Helm in den Anzug... 
Ich weiß nicht warum - auf Pisten bin ich mit für meine (altersmäßigen) Verhältnisse oft halsbrecherischer Geschwindigkeit im Schuss diverse Abfahrten runtergeschossen - aber vor dem kurzen Auslauf der 22-Meter-Schanze hatte ich ein Heidenschiss!! Unterhalb des Schanzentisches zeigte mir mein Trainer wie ich die Ski anziehen soll und mit zittrigen Fingern machte ich die Bindung zu...
Er hob mich unter den Schultern samt Ski und dreht mich in Richtung des "Abhanges" *schluck*
"So Ferdl, schau her: du fährst jetzt in der Anfahrt (er zeigte mir noch mal die im trockenen geübte Position) runter und setzt dich vor dem Gras hinten auf die Ski damit es dich nicht nach vorne wirft" *doppelschluckundnick* 

Dann nahm er mich fest in beide Hände und ich rutschte unter seinen Fittichen ein paar Meter nach vorne bis ich von selber glitt. Ich schaffte es ganze sechs Meter in dieser "Anfahrtsposition" zu fahren bevor mich die panische Angst überkam und ich in einer Mischung aus Pflugfahren und Händerudern mit geducktem Oberkörper den kleinen Hang hinunterfuhr. Mir schossen die Tränen vor Aufregung in die Augen und im Radius setzte ich mich auf den Hosenboden und klammerte mich mit beiden Händen fest an meine Knie bis ich im Gras zum stehen kam. 

Ich weiß nicht wie hoch mein Puls war und auch nicht wie lange ich so im Gras gesessen bin bis ich mich gefasst hatte, aber ich hatte einen Klos im Hals und brachte auch Minuten nach der "Höllenfahrt" nur kurze Worte raus. Die müde lächelnd-aufmunternden Blicke der anderen zeigten mir dass ich mich wohl nicht so glorreich angestellt hatte was meinen Puls weiterhin hochhielt.
Es folgten eine Abfahrt nach der anderen, ich hatte nicht den Schneid hinaufzugehen und einfach mal runterzuSPRINGEN... lieber noch mal fahren, da kann mir nichts passieren...

Bis es dann doch irgendwann soweit war und ich zum ersten mal am Schanzentisch vorbei ging, weiter bis zur Eisentreppe welche auf die K22 führt. Mein Gott, war ich damals ein Angsthase, mir drückte es bei jedem Pulsschlag ein Dröhnen ins Hirn und ich hatte wieder einen Kloß im Hals der Sprechen unmöglich machte. Ganz vorsichtig, mit weichen Knien und schwachen, zittrigen Beinen stieg ich Stufe für Stufe höher. Mit der linken Hand die Skier fest im Griff, die rechte krampfhaft am Geländer. Bloß nicht nach unten schauen (Ich hatte damals noch Höhenangst...). Oben angekommen warteten die anderen Springer schon auf meinen ersten Sprung, mein Trainer sagte irgendwas beruhigendes was ich nicht aufnahm und ich legte die Ski vorsichtig ab. Dann drehte ich mich um und im gleichen Moment dachte ich es wäre besser gewesen dies nicht zu tun *herzschlagaussetzdannweitertrommeln*

Scheiße, warum mache ich das. Ich kam mir vor wie ein Selbstmörder und musste mich setzen. Ja, ja, lass nur die Anderen vorausspringen, ich schau mir das erst mal an...

So sprangen die Anderen, einer nach dem andern bis - tja, ich schaute vorsichtig nach links und rechts und oben und unten, aber es versteckte sich wirklich keiner mehr - bis ich der letzte auf der Schanze war. Na gut, sei keine Memme und bring's hinter dich! 
Ok, rechter Fuß in rechte Bindung (bis heute hab ich noch nie den linken Ski zuerst angezogen...) und links analog, dann mit zittrigen Händen die alte Bindung zugeklappt, erst links dann rechts. Mann das ging viel zu schnell! Noch mal alles kontrollieren, es passte wirklich alles.

*schluck*

Dann rutschte ich auf den Balken und heute weiß ich wieso dieser ZITTERBALKEN genannt wird. "Geht's?" wollte ich eigentlich fragen, schaute stattdessen meinen Trainer hinter meiner Schneebrille an und zog die Augenbrauen hoch. 
"Guat!"
Ich weiß nicht wie lang ich da noch gesessen bin bevor ich losfuhr. Aber eins ist sicher, es war das einzige Mal dass ich so lange auf dem Balken saß. Man lernt ziemlich früh dass man sich selbst austricksen kann indem man schnell losfährt. Je länger man sitzt desto mehr Gedanken macht man sich und nach einer halben Ewigkeit fuhr ich schließlich los...

Kaum in der Anfahrt eine irre Beschleunigung, das laute scheppern der Keramikspur, der Wind der mir ins Gesicht blies und schon war ich am Schanzentisch und in der Luft und ehe ich kapierte was abging landete ich nach ein paar Metern und hockte mich auf die Skienden. So rutschte ich über die Matten hinaus ins Gras und blieb stehen.

"Pffffffffffffff", ein gepresstes Ausatmen, der Kloß im Hals schwand, ich war gesund und dachte:
"So schlimm war's ja gar nicht"
Und dann nahm ich den kleinen Applaus wahr für meinen ersten Sprung :-)

Es folgten Sprünge und Sprünge, den ganzen Sommer lang, jede Woche. Und es machte von Mal zu Mal mehr Spaß! Wie gut ich mich anstellte? Keine Ahnung, ehrlich nicht, ich sprang bloß für mich und probierte die Ratschläge meines Trainers umzusetzen (Von Korrekturen kann man da noch nicht sprechen)

Jo, und Ende des Sommers war in Auerbach "Biller Cup", ein internationales Schülerspringen auf der K22. 

Mein erster Wettkampf auf einer Schanze!! *pochpoch*, oh, Aufregung, viele Leute, Startnummern, Lautsprecher, Urkunden, POKALE,...

 

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